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In der Zeitschrift seit: 18.05.2009

Wahlbeschenkungen

Sisyphos

Macht macht den Einen übermütig, den
Anderen ignorant, den Nächsten blind und
den Gütigen schließlich ohnmächtig.
Und keine Macht macht gar nichts.

Ich verspreche mit gekreuztem Zeige- und Mittelfinger und unter Verweis auf mögliche mir heute noch unbekannte politische oder an den Haaren herbeigezogene oder schlichtweg erstunkene und erlogene Sachzwänge einer ungewissen Zukunft, dass ich hier im Unfertigen Gedanken keinen Artikel mehr veröffentlichen werde, der sich ausschließlich mit der Linken befasst oder an der Linken abarbeitet. Denn die Funktionäre und umso mehr noch die Mitgliedschaft dieser Linken sind lernunfähig, beratungsresistent und zu allem Übel in ihrer abstrakten wie konkreten Machtbesessenheit auch noch davon überzeugt, alles besser zu wissen. Knapp gesagt: Mit selbstsüchtigen Strebern will ich mich zukünftig nicht mehr abgeben. Nur noch heute, nur dieses eine Mal noch in und mit diesem Beitrag. Die Herausgeber des Unfertigen Gedanken mögen's mir verzeihen und den anderen Redaktionsmitgliedern versichere ich im Interesse ihrer Reputation, dass sie nichts, aber auch gar nichts mit diesem Artikel zu tun haben, weder direkt noch indirekt noch indirekt direkt.

Ich habe imgrunde keinen inhaltlich stabilen Bezug zur Linken. Doch in den unterschiedlichen Landesverbänden West wie Ost habe ich Freunde, gute Bekannte und einige Kollegen aus anderen Zusammenhängen. Also höre ich interessiert zu, wenn diese Freunde, Bekannten und Kollegen mir vollkommen entnervt aus ihrem Parteiklüngel berichten, wohlwissend, dass ich ihren mir gänzlich unbekannten parteiinternen Kontrahenten keine Namen nennen könnte noch würde. Fast aus allen Landesverbänden dieser Partei habe ich ähnlich haarstreubende Geschichten über die Aufstellungen der Wahllisten zu den Bundestagswahlen gehört. Wer denkt, die Linke würde sich im Angesicht ihres vergleichsweise stabilen Stands (Stagnation auf dennoch hohem Niveau für diese Partei) den Luxus externen Sachverstands, externer Querdenker zukünftig auch in den Parlamenten leisten, der irrt. Diese Linke setzt nicht einmal auf Querdenker aus den eigenen Reihen. Die Listenaufstellungen für die kommende Bundestagswahl jedenfalls hätten durchaus dafür genutzt werden können, über die gewohnten Aushängeschilder hinaus kompetente, halbwegs noch mit der Linken sympathisierende unabhängige Persönlichkeiten zu gewinnen, um an gesellschaftlicher Breite, insbesondere um an politischem Tiefgang zu gewinnen. Stattdessen zeichnen sich die Genossinnen und Genossen in der Linken durch übelste Postenschieberei aus, die wiederum von Intrigen, entmenschlichtem Umgang miteinander und von subtiler Bösartigkeit geprägt ist und die alles linke Gefasel von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit Lügen straft. Da stimmen in einer Reihe von Landesverbänden Delegierte – nur weil es eben mal die Parteiräson so verlangt – tatsächlich gegen ihr Gewissen und gegen jedes vernünftige Argument für Kandidaten, die sie für unfähig halten. Wahlvorschläge von Oben werden ohne ernsthaft gemeinte Diskussion einfach hingenommen, Aussprachen verkommen schließlich zur Farce, denn die Absprache davor wiegt schwerer. Das alles wäre noch zu verkraften, wenn die (dennoch zu verurteilende) Absprache mehr zu bieten hätte als das Who is Who einer mit Mandaten zu versorgenden Funktionärskaste, deren Wurzeln entweder bis in Zeiten der DKP- oder SED- oder FDJ-Nachwuchskader zurückreichen oder deren einzige politische Referenz die ist, dass sie als Funktionäre schon immer da gewesen sind, was vor allem auf die meisten jüngeren Parteikader zutrifft, deren größtes Verdienst ihre unpolitische Existenz in der Linken ist. Ein paar wenige Aushängeschilder sind ja dabei, wird der Eine oder Andere seufzend bekennen. Doch unter diesen ist kein wirklich neues Gesicht, womit ich sagen will, dass es sich auch bei diesen wenigen Aushängeschildern mehrheitlich um integrierte, passfähige Parteisoldaten nur eben ohne Parteibuch der Linken handelt.

Wieso beklage ich etwas, das in der Natur der Sache, das im Charakter einer bürgerlich organisierten Partei liegt? Warum bin ich so empört? Nun: Meine Empörung rührt daher, dass die Linke in welchem Ausmaß und mit welcher Ernsthaftigkeit auch immer behauptet, für eine soziale, gerechte, friedliche, für eine andere Welt zu sein. Erwarte ich da zuviel, wenn ich meine, dass diese Linke dann auch einen anderen zwischenmenschlichen Umgang pflegen sollte und pflegen muss und dass diese Linke daher auch auf andere Weise und mit anderem Personal als die restlichen Parteien brillieren sollte? Doch wie anders und wie ellenbogenfreudig sind dagegen diese Genossinnen und Genossen in der Linken! Und sie sind es nicht nur einfach so, sondern sie sind es gegen jedes postulierte Ideal in ihren wortreichen Programmpapieren. Wie ich aus den Reihen der Partei die Linke sicherlich mit Häme zu hören bekommen würde, macht mich meine Gutmenschlichkeit blind für die Realitäten der Sachzwänge und taub für die Notwendigkeiten des Kampfes um die Macht. Sachzwänge? Notwendigkeiten? Beim besten Willen finde ich keine gesetzliche Regelung, die es gerade der Mitgliedschaft der Linken und insbesondere ihren Funktionären zur Pflicht machte, böse, unhöflich, intrigant, verlogen und dumm zu sein. Andererseits, da es auch kein Gesetz gibt, in dem drin steht, dass die Genossinnen und Genossen der Linken gut, höflich, offen-koperativ, ehrlich und weise sein sollen, dürfen sie das dann wohl auch nicht sein. Zumindest deckt sich das mit der gängigen Argumentation von Parteimitarbeitern und Funktionären der Linken, wonach ein Funktionär zum Beispiel keine basisdemokratischen Handlungsmaximen zur Entscheidungsfindung verfolgen dürfe, da solche nicht in der Parteisatzung vorgegeben seien. Weiter gedacht und von den Funktionären mit hoher Wahrscheinlichkeit auch so gemeint, bedeutet das, dass einem Politiker der Linken generell unmöglich ist, was ihm nicht ausdrücklich vorgeschrieben ist. Gute Aussichten für eine linke Politik in Deutschland, denke ich und muss wirklich lachen. Und zurück: Da es der Linken eben nicht vorgeschrieben ist, Querdenker außerparlamentarischer Bewegungen, herausragende Persönlichkeiten mit brillanter Denke und Männer und Frauen außerhalb des verstaubten Muffs der Parteiorganisation zu suchen und zu finden und schließlich zu Ihren Kandidaten, im besten Falle dann Dank der Wähler auch zu parlamentarischen Vertretern einer breiten übergreifenden Linken zu machen, tut das diese Linke auch nicht. Was die Funktionäre im Osten betrifft, ist die Linke ein Versorgungsclub seit jeher. Soweit es die Linke im Westen betrifft, ist sie das auch, nur dass sich dort noch halbwegs frische Leute die Hörner abstoßen und ihre Quasirentenversicherung in den Parlamenten erst „verdienen“ müssen, da sie noch nicht soviel Sitzfleisch investiert haben wie ihre ostdeutschen Parteigenossinnen und -genossen.

Es gibt zwei Möglichkeiten: Entweder hat die Linke mit der Mehrheit ihrer Wahllistenaufstellungen unabsichtlich eine Chance vergeben oder die Linke will gar keine Chance auf querdenkende und linke Politik nutzen. Über das materielle und sicherlich auch idelle Sicherungs- und Profilierungspotenzial für die zukünftige Mandatsträgerschaft samt halbwegs versorgtem vielköpfigen Mitarbeiterstab will man als Linke offenbar nicht hinausgehen. Was auf die Linke zutrifft, was auf die Funktionäre der Linken und was auf ihre wenigen parteilosen Aushängeschilder zutrifft, das soll jeder für sich selbst entscheiden. In beiden denkbaren Fällen haben wir es mit nicht genutzten Chancen zu tun und in beiden Fällen ist diese Partei für mich schlichtweg keinen Gedanken mehr wert. Auch keinen unfertigen.

Geschrieben am 18. Mai 2009

 
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