von Holger Keller
Erste persönliche Anmerkungen zum Buch "Havemann"
(Havemann, Florian Havemann, Suhrkamp, 26.11.2007, ISBN-13: 978-3518419175)
(Havemann, Florian Havemann, Suhrkamp, 26.11.2007, ISBN-13: 978-3518419175)
Lieber Florian, Du hast ein Buch geschrieben. Und Suhrkamp veröffentlicht es dieser Tage. Eigentlich war klar, dass Suhrkamp dieses Buch veröffentlichen würde, das Du dann nach der Klarstellung mit Suhrkamp in einem wilden Durchmarsch geschrieben hast, Dein "kommunistisches Buch". Jetzt ist es fertig und trägt diesen banalen Titel HAVEMANN.
Dieses Buch HAVEMANN habe ich mehrmals gelesen, auf unterschiedliche Weise gelesen. Jedes Mal habe ich es gleichermaßen und gleichermaßen intensiv durchlitten. Schließlich fordert es mich zur Auseinandersetzung heraus: mit Dir, mit Florian Havemann, auch mit diesem komischen Flori, mit seiner Vergangenheit, mit Realität und Geschichte und mit Menschen, die mir bis dahin vollkommen egal waren, mich mittlerweile wegen Havemann aber interessieren, weil Havemann ohne sie tatsächlich nicht zu haben ist. Dein HAVEMANN steht am Anfang einer für mich tiefer gehenden Beschäftigung mit scheinbar voneinander unterschiedlichen jedoch tatsächlich sehr eng miteinander verbundenen Themen. So ist das und es ist so viel und so überraschend viel, dass eine einfache Rezension Deines Buches nicht möglich ist, mir nicht möglich ist. Zeit, viel Zeit brauche ich, zu verarbeiten, was ich da gelesen habe - zum wiederholten Male lese - und vor allem wie das geschrieben ist, das ich da lese. Soweit es mich betrifft, wird es eine Menge zu sagen, hier im Unfertigen Gedanken zu schreiben geben, eine Menge an Gedanken, die für mich aus Deinem HAVEMANN folgen, nahe liegende Gedanken und weit her geholte. Aber nicht jetzt und nicht in diesem Beitrag. Im Gegenteil! Ich habe mit großem Kraftaufwand versucht, eine Rezension für den Unfertigen Gedanken zu erarbeiten. Hunderte Notizen, habe recherchiert zu den vielen Leuten, die Du nennst, die Du beschreibst, die Du als Teil Deines Lebens auftauchen lässt. Ganz schön viel Arbeit! All das von mir zu Deinem Buch Geschriebene aber habe ich immer und immer wieder verworfen, gestern dann noch den Beitrag, den ich hier in den Unfertigen Gedanken reinsetzen wollte. Wirklich, ich brauche Zeit, mehr Zeit. Insofern eine Provokation Dein Buch.
Deshalb sind das hier nur erste Anmerkungen zum HAVEMANN. Eigentlich sind diese Anmerkungen auch nur ein Fazit, das ans Ende wirklich längerer, genauerer, intensiverer Darlegungen zu dem Stoff, zu Deinem Stoff gehörte, wozu ich allerdings, wie schon angedeutet, gerade nicht in der Lage bin.
Es ist ein hervorragendes Buch. Finde ich. Es ist ein lesenswertes Buch. Finde ich. Es ist ein bemerkenswertes Buch. Finde ich. Es ist ein Buch, von dem ich vorher nicht geglaubt hätte, es jemals lesen zu können. Doch ich konnte, ich musste. Es ist ein Buch, dessen Gehalt für mich gerade nicht in der Enthüllung irgendwelcher Geheimnisse irgendwelcher besonderer Persönlichkeiten besteht. Für viele ist es dagegen vermutlich nur das. Arme Irre. Armer Flori. Für mich ist es eher ein Buch des Dich vielleicht irgendwann einmal besser Begreifens. Meine persönliche Gehhilfe auf dem Weg, Dich kennenzulernen.
Dein Buch ist so einfach weil so kompliziert, so vielfältig in seiner Struktur, so verrückt und gleichzeitig so punktgenau, auch wenn mir an manchen Stellen der Faden entgleitet, mich da zugleich anwidert, was ich lese. Einiges macht mich wütend. Wütend macht mich auch, dass ich gewisse Wirklichkeit(en) nicht wissen will, die ich da lese. Das ist so eine Sache mit den Empfindungen, die mit Nachempfinden einhergehen. Ich empfehle Dein Buch, das HAVEMANN, weil es mich mitgerissen, hin- und hergerissen hat.
Ob andere Menschen möglicherweise Gefallen an Deinem Buch finden und falls ja, warum sie dies tun werden, sollte diesen anderen Menschen überlassen bleiben. Tatsächlich wird jeder etwas in HAVEMANN finden, das ihn berührt. Auf die eine oder andere Weise. Da bin ich mir sicher. Mich berührt es tief. Dann ist Dein HAVEMANN auch alles andere als eines dieser typischen Skandal heischenden Bücher, derer es unendlich viele gibt und deretwegen ich gegenwärtige Literatur fast nicht mehr lesen, nicht mehr ertragen kann. Und ich würde lügen, wenn ich bestritt, dieses HAVEMANN nicht zuerst nur um Deinetwillen, lieber Florian, gelesen zu haben , denn ich hatte befürchtet, dass es Dir vor allem um das Aufsehen ginge, um die Befriedigung Deines Größenwahns, um die Bestätigung des Havemanns, der Du bist. Umso mehr aber spricht für Dein Buch, dass ich es schließlich mehr als einmal und nicht nur deshalb mehrfach von Anfang bis Ende und Wort für Wort gelesen habe, weil ich geglaubt hatte, im Unfertigen Gedanken dazu ein Statement abgeben zu müssen, sondern weil ich mich beim Lesen selbst habe im und durch den Inhalt verlieren können, die Zeit und die ihr zu Grunde liegende Realität vergessend, obwohl mich Dein Buch und Deine Wirklichkeit darin mit der beinharten Realität konfrontiert haben und konfrontieren. Ein Grund, weshalb mir das Rezensieren solche Schwierigkeiten bereitet, wobei mir das Schreiben ohnehin immer schwer fällt.
Der Leser, jeder Leser bekommt durch Dein Buch das, was er verdient. Wem es hinreicht, in HAVEMANN nur die pikanten Einzelheiten vermeintlich oder auch tatsächlich skandalöser Begebenheiten aus Deinem Leben, somit aus dem Leben einiger anderer Persönlichkeiten, ohne die Du ja nicht zu haben bist, zu finden, der wird fündig. Bitte sehr. Warum, wenn nicht deshalb veröffentlicht Suhrkamp Dein Buch? Skandal macht Umsatz. Arme Irre. Armer Flori. Wem das allerdings nicht genügt, der kann in Deinem Buch auch kunstfertige Literatur entdecken, solche, die sich außerdem von Anfang bis Ende, die sich Wort für Wort um Liebe und somit auch um Freundschaft(en) dreht, auch an den Stellen darum dreht, an denen von Ressentiment, von Hass, von Leere die Sprache ist, da wohl vor allem. Hast Du es so gewollt? Wenn nicht, getan ist es trotzdem. Für mich deshalb wunderbar zu lesen, auch die Niedertracht, die beschrieben wird und mit welcher Niedertracht doch diese ganze Niedertracht beschrieben wird. Meinen Glückwunsch zu dieser Literatur. Auch ein Grund für Suhrkamp, Dein Buch zu verlegen, nicht wahr? Ein Stück neuer deutscher Literatur. Ich hoffe sehr, dass das der für Suhrkamp ausschlaggebende Beweggrund ist, sich auf Dich, lieber Florian, als Autoren und Künstler einzulassen.
Was, Florian, hast Du da eigentlich geschrieben? Eine Biografie? Eine Familiengeschichte? Eine Autobiografie? Einen Roman? Eine Reportage? Eine Erzählung? Eine Novelle? Eine Anekdotensammlung? Einen politischen Aufarbeitungsfetzen? Eine Gesellschaftskritik? Eine Kulturanalyse? Ein historisches Possenstück? Eine Drehbuchvorlage? Was ist Dein Buch? Ich zumindest kann es nicht einordnen und letztlich will ich das auch gar nicht. Das mag ich dann lieber doch den "echten" Literaturkritikern und belesenen Kulturkennern überlassen, denen die Pikanterie des HAVEMANN und möglicherweise auch dessen Undefinierbarkeit entgegenkommen. Mit irgendwas müssen die ja die Kulturbeilagen ihrer Zeitungen füllen. Trotzdem: Möglicherweise ist es genau das, was mir gefällt. Es ist mir nicht klar, was Dein Buch als solches darstellt, doch ich kann es lesen, als wäre es ein Roman, eine Erzählung, eine Novelle, eine Reportage usw. usf. Vielleicht ist das das eigentlich Faszinierende daran?
Auf den Inhalt, lieber Florian, nagele mich bitte (noch) nicht fest. Dafür ist der Rundumschlag in Deinem Buch einfach zu gewaltig. Dennoch: Zu viel BIER Mann! Besoffen könnte man davon werden. Der Biermann wohl auch, wenn es nicht vorwiegend nur seine eigenen Ergüsse wären, die ihn wirklich berauschten. Die Aufmerksamkeit, mit der Du Dich in Deinem Buch Wolf Biermann widmest, muss diesem wie eine nachgereichte Liebeserklärung vorkommen. Wenn, dann ist das der Skandal, diese Annäherung durch die Distanz. Diese Herausforderung an den zahnlosen Tiger. Schäbig von Dir, meinst Du nicht auch? Armer Biermann. Armer Flori. Aber ich hab schon verstanden. Havemann ist nicht zu denken ohne die Anderen. Und diese Anderen wirken alle auch in Deinen Beschreibungen, auch in den von Dir beschriebenen Momenten ihrer Schäbigkeit zumindest menschlich, wenn schon nicht sympathisch. Doch ganz ehrlich: Keiner in Deinem Buch kommt schlecht weg, am wenigsten die "Schlechten." Dass sie es vielleicht anders sehen könnten, weil an ihnen, an ihrem Ego, an ihren selbst geschaffenen Denkmälern gekratzt wird, ist zu erwarten. Und dass da die Presse vielleicht ein Bisschen Sensation wittern mag, liegt in der Natur der Sache, dieser eigentümlichen, normalen Sache von Angebot und Nachfrage. Suhrkamp soll es nur recht sein. Und dir?
Ich wünsche Dir und dem Suhrkamp Verlag mit Deinem in dieser Woche erscheinenden Buch HAVEMANN wirklich viel Erfolg.
Ende des Fazits.
Lieber Florian, dieser Flori ist mir nicht geheuer. Das ist jemand aus fernen Zeiten, ohne den ich Florian zwar nicht denken kann, wie mich Dein Buch belehrt, den ich aber bisher nicht habe kennenlernen können und hoffe, das auch nicht zu müssen. Vielleicht verstehst Du, weshalb ich am Telefon oder sonst irritiert bin, wenn Du Dich Flori nennst oder andere von Dir als Flori sprechen. Ich habe Florian kennengelernt. Vielleicht ist das auch der, den die anderen und Du mit "Flori" meinen. Aber: Wer ist Flori?
Uns erwarten wegen Deines Buches und zu diesem und über dasselbe eine Reihe Gespräche und Diskussionen, hoffentlich anregende. Einige Brüche - z.B. Carmen(!) - möchte ich genauer hinterfragen und auch, wieso ich bei Deinen Erzählungen von und über Thomas Brasch das Bild vor Augen habe, dass Du da irgendwie mit dem ganzen Arm den Tisch freiräumst von irgendwelchem Müll. Das Politische und das Künstlerische, das Philosophische (Olaf hat recht, Du bist in Deinem Antiphilosoph umso unerbittlicher ein Philosoph) kommt sowieso hinzu, weil das daraus folgt.
Geschrieben am 20.November 2007
