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In der Zeitschrift seit: 24.10.2006

Anti


Florian Havemann

Die Ema.Li hat sich getroffen, die Emaille, wie manche schon sarkastisch sagen und damit wohl auf einen bloßen Überzug des Emanzipatorischen anspielen wollen, eine ansonsten unansehnliche Linke aufzuhübschen. Und zwar am 14.Oktober, einem Samstag und nicht in Leipzig, wo die Emanzipation derzeit ihr Hauptquartier hat, sondern hier in Berlin in der Kalkscheune, zu einer Konferenz zur Theorie und Praxis emanzipatorischer Politik – deren Titel, natürlich in Englisch, denn in der deutschen Sprache klänge es wohl zu banal, das Come together! Dann kommen wir also zusammen und ich wäre gern gekommen, wo mich doch Katja Kipping, stellvertretende Vorsitzende der Linkspartei.PDS und eine der Organisatorinnen dieses Zusammenkommens so freundlich eingeladen hatte und dies, obwohl sie doch weiß, wie skeptisch ich dem Zauberwort von der Emanzipation gegenüberstehe – ich konnte leider nicht: Familienrücksichten, von denen ich mich nicht frei machen wollte. Ich habe davon also wieder mal nur in der Zeitung gelesen, ich weiß also nur sehr wenig, wie das bei dem Treffen der emanzipatorischen Linken war und, was dabei herausgekommen ist. Ich weiß nur das, was ich in der Jungle World darüber gelesen habe und, ob denn dieser eine der Zuhörer, der die ganze Diskussion als ein Zeichen der Ratlosigkeit gewertet hat, Recht hatte, ich kann es nicht beurteilen. Ich weiß auch nicht, inwieweit das, was da diskutiert wurde, irgendwelchen Ansprüchen genügte, die man gemeinhin mit dem hehren Begriff Theorie in Verbindung zu bringen gewohnt ist, oder doch davon wenigstens die Emanzipation gelungen ist. Und ich weiß auch nicht, ob die Berichterstatter der Jungle World Markus Ströhlein den politischen Aspekt des Treffens in den abschließenden Worten von Julia Bonk richtig zusammengefasst sieht: „Wir haben uns kennen gelernt.“ Ich dachte doch, die kennen sich alle schon, die emanzipatorischen Linken innerhalb der Linkspartei – aber, wie gesagt, ich war nicht dabei, doch eine Sache in diesem Bericht, die fiel mir merkwürdig auf:

"Katja Kipping, die im Publikum sitzt, hebt abschließend zur Ideologiekritik an. So sei ein antiimperialistischer Internationalismus unannehmbar, weil er immer in den Antiamerikanismus verfalle. Ein Abgesandter von Linksruck protestiert."

Das hätte ich wahrscheinlich auch, da protestiert, auch wenn ich nicht zum Linksruck gehöre. Sicher ist das richtig, dass, wer sich politisch anti-imperialistisch positionieren will, sich dabei immer ganz konkret auch anti-amerikanisch positioniert – ganz einfach deshalb, weil die Vereinigten Staaten von Amerika als einzige imperiale Weltmacht übrig geblieben sind, weil sich die USA immer mehr auch wohl selber als Empire verstehen. Was ich nur nicht verstehe, warum anti-amerikanisch nicht gehen soll, so sehr auszuschließen ist, dass es hier gar nicht mehr nötig scheint zu argumentieren, wie sich Anti-Amerikanismus einfach als etwas abtun lässt, dem wir nicht verfallen sollten – gut, ich war nicht dabei und vielleicht hat Katja Kipping ja das so doch nicht gesagt, nicht von verfallen gesprochen, vielleicht hat sie auf dieser Veranstaltung ja doch mit Argumenten dargelegt, was am Anti-Amerikanismus so abzulehnen ist, so sehr sogar, dass wir als Linke nun noch nicht mal mehr anti-imperialistisch sein dürfen.

Wir haben das ja in Leipzig und Dresden in den Ablegern der von mir einst initiierten Denkwerkstatt diskutiert, ob eine deutlich anti-amerikanische Positionierung für die Linke nicht vielleicht nötig wäre, zumindest eine bedenkenswerte Option und die jetzigen Protagonisten der emanzipatorischen Linken, sie saßen da ja alle mit am Tisch – sie waren zwar damals schon dagegen, bevor der Irak-Krieg losging und dann, während die USA ihn führten, aber, dass man auch dafür Argumente braucht, lehnt man einen Anti-Amerikanismus ab, zu dem sich soviel Menschen auf dieser Erde gezwungen und gedrängt sehen, das, so glaubte ich, hatten sie doch wohl verstanden.

Merkwürdig ist das schon, dass eine Linke, die emanzipatorisch sein will, etwas dagegen haben kann, wenn sich ein Land wie das unsere vom amerikanischen Einfluss emanzipiere, wenn sich Europa von der US-amerikanischen Hegemonie befreien wollte und selbst Menschen den vielleicht zweifelhaften Wunsch hätten, sich von der kulturellen Vorherrschaft Amerikas zu befreien – merkwürdig, ja, eigentlich vollkommen unverständlich. Oder bin ich es nur wieder, der hier etwas nicht versteht, dem eine linke Gehirnwindung und Gedankenakrobatik entgangen ist. Ist das ein Widerspruch? Von Emanzipation zu reden, eine Form aber abzulehnen, die Emanzipation annehmen kann, ja, heutzutage gegenüber dieser so zerstörerischen, imperialen Macht der USA wohl vielleicht auch annehmen muss, als eine Ablehnung amerikanischer Macht und Vormacht, die sich bis zu einem Anti steigert. Oder habe ich das überhaupt nicht verstanden, was unsere emanzipatorischen Genossen und Genossinnen antreibt, und sehe deshalb da einen Widerspruch, wo es gar keinen gibt – ich bitte um Aufklärung!

„Wir haben in Deutschland in wesentlichen Teilen der Publizistik das Problem, dass jede sachliche Kritik an Amerika als Anti-Amerikanismus diffamiert wird.“ So unserer ehemaliger Bundeskanzler Gerhard Schröder in der neuesten Ausgabe des SPIEGEL und er nennt das dort natürlich falsch – was aber, wenn es vielleicht so falsch doch nicht ist? Wenn besorgte Freunde so empfindlich reagieren, dann sät das natürlich Zweifel, den Zweifel, ob das amerikanische Establishment das nicht vielleicht genauso sieht und auch die sachliche Kritik an seiner jeweiligen Kritik als ein Anti auffasst und wäre dem so, der Anti-Amerikanismus, er wäre damit schon mal berechtigt. Gegen einen Staat, dessen Führungsschicht keine sachliche Kritik vertragen kann, gegen den müssten wir doch als Demokraten sein. Und ein so mächtiger Staat, der gegen andere so mächtig austeilt, dessen Freunde aber bei jedweder Kritik an seiner Politik die Keule des anti-amerikanistischen Vorwurfs schwingen, er provoziert doch geradezu und sei es allein aus innenpolitischen Gründen, dass man sich in dem Anti gegen ihn stellt, das einem sogar bei sachlicher Kritik unterstellt wird – wir Linke sind doch sonst in unseren politischen Positionen und Stellungnahmen nicht so zimperlich. Da haben doch nicht etwa Linke bei uns in Deutschland Angst vor dem CIA? Oder ist das der emanzipatorische Weg zur Regierungsbeteiligung, dieses Mainstream-Anti im Sinn der Medien zu jeglichem Anti-Amerikanismus? Was wäre daran so schlimm für die Linke, es politisch mal mit einem Anti-Amerikanismus zu versuchen, der ja nicht unbedingt primitiv sein muss, sich aufs Politische beschränken kann und nicht gleich konservativ die ganze amerikanische Kultur, respektive Unkultur mit einbeziehen muss? Die USA sind so stark, die verkraften das, wenn eine oppositionelle deutsche Linkspartei mit nicht ganz zehn Prozent hinter sich eine eindeutig anti-amerikanische Position bezöge. Davon geht die Weltmacht nicht unter und sollten wir nach ein paar Jahren merken, es war wirklich nur die Bush-Regierung, Amerika kann auch mal wieder ganz anders und von seiner Weltherrschaft lassen, dann nehmen wir wieder Abstand von unserem Anti – wo wäre da das Problem? Die politischen Verhältnisse ändern sich halt und demnach muss es den emanzipatorischen Linken, die nun sogar den Anti-Imperialismus ablehnen, weil er Anti-Amerikanismus bedeutet, wohl wieder mal um etwas ganz Prinzipielles gehen – wir hätten nur gern gewusst, um was. Und besonders auch, wie sich das mit der Emanzipation verträgt, wo doch eine Befreiung immer eine von ist, von etwas und es als Übergangsphase jedenfalls da wohl immer eine Gegnerschaft geben muss, politisch verkürzt gesprochen: ein Anti. Oder wollen sie das etwa nicht, die emanzipatorischen Linken, wollen sie diese eine Emanzipation von amerikanischer Vorherrschaft nicht? Dann sollten sie uns das sagen und natürlich wäre es schön, da dann von ihnen auch ein paar Argumente zu hören, über die wir dann hier im Unfertigen Gedanken diskutieren könnten.

Geschrieben am 22. und 23.Oktober 2006

 
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