Thomas Wieczorek
Menschen verhungern, während einige wenige andere in Schampus baden. Mehr noch: Die im Schampus baden und sich mit 100-Euro-Scheinen die Cohiba-Zigarren anzünden, fordern auf Wohltätigkeitsbällen bei Hummer und Kaviar Spenden für die, die sich aus den Mülltonnen der Schampusbader und Hummervertilger ihren Überlebensfraß zusammensuchen müssen.
Dabei sind doch beide Gruppen doch eine Art siamesische Zwillinge:
„Reicher Mann und armer Mann
Standen da und sahn sich an.
Und der Arme sagte bleich:
Wär ich nicht arm, wärst du nicht reich.“
Diesen von Bert Brecht aufgeschriebenen Zusammenhang kapiert jeder Zwölfjährige.
Soweit so gut, that’s life – wäre da nicht der moralische Anspruch: der des christlichen Abendlandes.
Der europäische Durchschnittsbürger – egal ob Katholik, Protestant oder „Nichtchrist“, verbindet mit dem Menschenbild des überlieferten Christus Begriffe wie „Nächstenliebe“, „Barmherzigkeit“, „Abgeben“, „Teilen“ oder „Geben ist seliger als nehmen“.
Demgegenüber galt der ganze Abscheu Christi jenen Typen, die sich unter Berufung auf Gott und ihre eigene Frömmigkeit hemmungslos die Taschen vollstopften. Diese Gruppe nannte sich selbst Pharisäer, noch heute eine Bezeichnung für schamlose Heuchler.
Und der Bezug zu heute drängt sich angesichts der galoppierenden Vergrößerung der Arm-Reich-Schere förmlich auf.
Lebt denn der alte Heuchler noch, lebt denn der Pharisäer noch? Ja, er lebt noch, er lebt noch, er lebt noch – in Gestalt einer der unverfrorensten Theorien der modernen Zeit: der ökonomischen Ethik.
Die Ökonomische Ethik als Theorie der Rechtfertigung der Raffgier und der Marktwirtschaft
1. Das Christentum ist in den westlichen Industrienationen Grundlage des Normensystems. Die Zahl der eingetragenen Christen beträgt z. B. in Spanien 97 Prozent, in Italien 83, in Frankreich 77, in den USA 85 und in Deutschland BRD 66 Prozent, wobei diese geringe Zahl auf den hohen Anteil der Konfessionslosen in der Ex-DDR zurückzuführen ist.[ii] Diese Menschen sind selbstverständlich mehrheitlich keine Vorzeigechristen, anderseits kann man vermuten, dass sie die Ansprüche des christlichen Menschenbildes im Großen und Ganzen teilen.
2. Dieses christliche Menschenbild ist das direkte Gegenteil des marktwirtschaftlichen Menschenbildes, zu dessen Rechtfertigung ein Zitat von Adam Smith herangezogen wird: „Nicht von der Güte des Fleischers, Brauers oder Bäckers erwarten wir unsere Mahlzeiten, sondern von deren Rücksicht, die jene auf ihr eigenes Interesse nehmen.“[iii]
Allerdings betrachtet Adam Smith hier lediglich den Menschen als Marktteilnehmer und sieht zum Beispiel den Menschen als Politiker als gemeinwohlorientiert, was zum sogenannten „Adam-Smith-Problem“ führte.[iv] Streng genommen entsteht das Adam-Smith-Problem nur dann, wenn man den Eigennutz zur grundlegenden Charaktereigenschaft des Menschen umdichten will. Wie hirnrissig und infam diese Methode ist, zeigt das Beispiel Sport: Natürlich will man „um jeden Preis“ gewinnen, aber mit Ausnahme weniger (vielleicht neoliberaler) Soziopathen sind die allermeisten Fußballer, Tennisspieler oder sogar Boxer außerhalb des Wettkampfes eher liebenswürdige Menschen.
Übrigens nennt Anthony Downs z. B. nennt nicht nur Materielles, sondern auch Macht, Ruhm und sogar Freude am Spiel – er überlässt es also dem subjektiven Empfinden des Einzelnen, und danach kann sogar Altruismus eine Form des Eigennutzes sein. Und: Downs selbst benennt seine Eingrenzung auf den ökonomischen Aspekt als solche Eingrenzung.
Die ökonomische Ethik aber unterstellt dem Menschen das Lebensmotto „Alle denken an sich, nur ich denke an mich“. Mehr noch: Allein der moralfreie Egoist, der sogenannte „Homo oeconomicus“, handelt rational. Wer teilt und abgibt, handelt irrational, ist also nicht ganz richtig im Kopf.[v] Genau dadurch aber wird nach Behauptung der Markwirtschaftler optimaler Wohlstand für alle erreicht.
3. Daher ist aber das christliche Menschenbild nicht nur unvereinbar mit der Ideologie der Marktwirtschaft, sondern sogar eine Bedrohung: Altruismus (verstanden als Leistung ohne Gegenleistung) und Solidarität sind Todfeinde der totalen Marktwirtschaft. Würden die Menschen nach den überlieferten Lehren Christi leben – man könnte auch sagen nach dem Kommunistischen Manifest - so wäre dies das Ende der Marktwirtschaft. Deshalb wird auch gegen außerkaritative Gratisleistungen aller Art mit allen Mitteln vorgegangen. Beispiele sind etwa das von den Nationalsozialisten übernommen Rechtsberatungsgesetz von 1935, das die kostenlose Beratung (etwa durch Anwälte von Obdachlosenvereinen) untersagt[vi] oder die entsprechende Berufsordnung für Ärzte, nach der ein Arzt, der kostenlos die Patienten behandelt, die Approbation verliert.
4. Andrerseits ist es bislang noch nirgendwo gelungen, die freie Marktwirtschaft im Sinne von kompromisslosem Sozialdarwinismus völlig durchzusetzen. Die starke Verankerung des christlichen Menschenbildes bzw. der auch von A. Smith (!) so bezeichneten abendländisch-christlichen Solidaritätsmoral[1] zeigt sich gut am Beispiel des Spendenwesens. Sogar und besonders in den USA blüht zum Beispiel eine regelrechte Wohltätigkeitsindustrie.
Dem widerspricht nicht, dass auch aus durchaus eigennützigen Motiven gespendet wird: Ob aus Wichtigtuerei, aus PR-Gründen, aus „christlichem“ schlechtem Gewissen, ob als bloße Sozialstaatspropaganda und aus der Überlegung heraus, dass ein Übertreiben der skrupellosen Bereicherung auf Kosten der armen und der übrigen Bevölkerung zu „sozialen Unruhen“ führen könnte, spielt in diesem Zusammenhang auch keine Rolle.
Wichtig ist: Offenbar kommt man ohne zumindest eine Ideologie bzw. ohne das Vortäuschen christlicher Nächstenliebe im Sinne von Abgeben nicht aus. Man kann mit Spenden offenbar sein soziales Ansehen steigern, während das Bekenntnis zu knallhartem Egoismus und Sozialdarwinismus eher dem Ruf abträglich ist.
5. Die christliche Solidarität birgt ein gewaltiges systembedrohendes Potential. Dies zeigt erwähntes Hochwasser-Beispiel besonders deutlich: Denn von der uneigennützigen Spendenbereitschaft bis hin zur Frage: „Meine 100 Euro gebe ich ja gerne, aber was ist eigentlich mit den Milliarden der Superreichen?“ – war es nur ein Schritt; und nicht zufällig wurde als Folge dieser erlebten Solidarität die Forderung nach Vermögenssteuer so laut, dass sogar der erbitterte Reichensteuer-Feinde wie der damalige Kanzler Schröder sie in den Katalog der Wahlversprechen aufnehmen musste. Es ist klar, dass diese Forderung selbst nicht Ausdruck von Solidarität ist; und häufig wird Vermögenssteuer ja auch als Neidsteuer diffamiert. Offenkundig aber besteht ein Zusammenhang zwischen praktizierter Solidarität der Bevölkerung untereinander und der Forderung nach einem Minimum an Solidarität und Beschränkung der hemmungslosen Selbstbereicherung als Gesellschaftskonsens.
6. Diese Solidarität ist weitestgehend unabhängig von der Amtskirche. Eine ausführliche Untersuchung würde an dieser Stelle den Rahmen sprengen, deshalb sei hier nur als These formuliert: Die meisten gläubigen Christen orientieren sich zwar an christlicher Moral im Sinne von Unrechtsbewusstsein, nicht aber immer an der Amtskirche: Beispiel vorehelicher Verkehr. Hinzu kommt: Auch die Amtskirche steht – unbeschadet des staatstragenden Gebots „Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist“ durchaus nicht blind auf Seiten der Marktwirtschaft: Man denke nur an die Armutsappelle des Papstes oder an die oftmals sogar revolutionäre Rolle der katholische Kirche und ihrer Bischöfe in der Dritten Welt.
7. Offenbar besteht also zwischen den Moralvorstellungen der übergroßen Mehrheit der Bevölkerung und der Ideologie der Marktwirtschaft ein permanentes, weil systembedingtes Spannungsfeld. Die Frage lautet: Wie können gottesfürchtige christliche Unternehmer und Konzernmanager unterm Weihnachtsbaum vor Rührung über die teuren Geschenke zerfließen, während weltweit zig Millionen Menschen verhungern und in Deutschland immer mehr in die (relative) Armut abrutschen? Gibt's da gar kein schlechtes Gewissen?
Nun haben sich schon immer Menschen gerade unter Berufung auf das Wort irgendeines Gottes unmoralisch, verbrecherisch oder eben „gottlos“ verhalten. Man denke nur an Kreuzzüge, Inquisitionsfolter, Hexenverbrennung, Inka-Ausrottung, an das „Abfackeln“ von Afroamerikanern, Schwulen und Abtreibungsärzten oder die innige Zusammenarbeit von Teilen der Amtskirche mit Adolf Hitler. Und aktuell legt der bekennende Jesuitenschüler und „Linkskatholik“ Heiner Geißler den Schluss nahe, wenn Jesus heute lebte, dann würde er die gesamte Führung der CDU/CSU als Pharisäer aus dem Gotteshaus jagen.[vii]
Selbstverständlich gab es jeweils auch eine Theorie zur Rechtfertigung unchristlichen Handels, und die heutige Variante ist jene Ökonomische Ethik. Dieser Ansatz wird auf den inzwischen emeritierten Wirtschaftsprofessor Karl Homann von der katholischen Universität Eichstätt zurückgeführt und von anderen Ökonomen dieser Universität weiter verfolgt.
Homanns neue „Wissenschaft“ ist deshalb besonders wichtig, weil sie offenbar auch Grundlage der katholischen Amtskirche in Deutschland ist.
Wer als Unternehmer oder Manager wochentags massenweise Menschen zum Wohle der Profimaximierung („Shareholder value“) um ihren Job bringt, alleinerziehende Mütter in den Ruin und verzweifelte Familienväter in den Tod treibt, am Sonntag aber voll Andacht und selbstgerechter Rührung dem Gottesdienst beiwohnt, dem kam das Ganze bislang trotz aller verlogener Selbsttäuschung ein wenig seltsam vor. Doch damit ist jetzt Schluss.
Auf einer Tagung des Arbeitgeberrollkommandos „Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft“ outete sich schon 2002 ausgerechnet der Aufsichtsratsvorsitzende der Deutschen Katholischen Kirche, Bischof Lehmann, als geradezu leidenschaftlicher Anhänger der Götzenlehre, egoistische Raffgier sei die edelste christliche Eigenschaft. Eigennutz sei nicht dasselbe wie Egoismus: Der Einzelne wolle seine Existenz sichern und materiell und ideell verbessern. In diesem Sinne gehöre das Streben nach Existenzsicherung, Wohlstand und Anerkennung zur menschlichen Realität, sei aber ohne Wettbewerb nicht möglich, der auch Innovationen fördert.[viii]
Das ist nichts anderes als das erwähnte Menschenbild des „homo oecomicus“ von der rationalen Raffgier und der irrationalen Solidarität. Dieses grenzenlose, nimmersatte Profitstreben aber hat laut Lehmann mit Egoismus nichts zu tun: „Ein solches Selbstinteresse darf nicht einfach mit einer verwerflichen egoistischen Selbstliebe identifiziert werden."[ix]
Den Gipfel der dummdreisten „Modernisierung“ christlicher Lehre und aus Sicht gläubiger Christen auch der Gotteslästerung bildet das Impulspapier „Das Soziale neu denken“[x] der Deutschen Bischofskonferenz vom 12. Dezember 2003.
Ohne einer eingehenden Analyse dieses Pamphlets vorzugreifen, sei das Fazit des Jesuiten und Professors für Christliche Gesellschaftsethik Friedhelm Hengsbach SJ erwähnt: „Lehmann hat sich einen sozialen Impulstext von Unternehmensberatern und Managern schreiben lassen. Ohne arbeitslose Christen zu befragen. Das hat viele an der Basis frustriert. Inzwischen hat Lehmann allerdings eingelenkt.“[xi] Tatsächlich werden im Vorwort („Wir danken herzlich folgenden Persönlichkeiten, die an der Erarbeitung des vorliegenden Impulstextes mitgewirkt haben“) zwei berüchtigte Anführer der INSM namentlich genannt: Kuratoriums-Chef und Wirtschaftsprofessor Hans Tietmeyer[xii] sowie der sattsam bekannte, zum „Finanzexperten“ hochgejubelte Juraprofessor Paul Kirchhof.
Entsprechend eindeutig fällt das Urteil Hengsbachs und zwei weiterer katholischer Ethikprofessoren aus „Statt das 'Leitbild der solidarischen und gerechten Gesellschaft' fortzuschreiben, entsteht der Eindruck, dass nun auch die Bischöfe in den breiten Strom der aktuellen Sozialstaatskritik einstimmen, das Prinzip der Verteilungsgerechtigkeit aufgeben und die sozialkatholischen Vorstellungen von sozialer Gerechtigkeit und solidarischer Verantwortung zugunsten der liberalen Prinzipien von privater Vorsorge und Eigenverantwortung abschwächen.“[xiii]
Nur konsequenterweise hetzt Bischof Lehmann Seite an Seite mit den Superreichen und ihren Politikern auch gegen „Neidkomplex der Deutschen“[xiv] "Sozialneid" und meint damit offenbar Forderungen höheren Steuern für Reiche.[xv] Und die Agenda 2010 hält Lehmann für "im Grundsatz unbedingt notwendig"[xvi]
Aber zurück zur Ökonomischen Ethik des „christlichen“ Professors Homann. Sein Leitsatz lautet: „Ökonomik ist Ethik mit ... erweiterten zusätzlichen Mitteln.“[xvii] Die „Ökonomische Ethik“ will das Spannungsfeld Ökonomie – Moral zugunsten der Ökonomie auflösen bzw. nachweisen, dass gar kein Widerspruch besteht und man auch moralische Fragen mit der Ökonomie lösen kann und muss.[xviii] Sein Schüler Andreas Suchanek fordert entsprechend, man solle „Moral nicht gegen das Eigeninteresse in Stellung bringen, sondern das Eigeninteresse in den Dienst der Moral nehmen.“[xix]
Nun sind abenteuerliche Religionsmodernisierer nicht unbedingt blöd. Suchanek weiß sehr wohl, dass sein Loblied auf die Raffgier als moralische Eigenschaft jedem halbwegs klar denkenden und ehrlichen Christen recht seltsam vorkommen muss: „Eine solche Denkweise hat damit zu rechnen, auf massive Vorbehalte zu stoßen.“ Also setzt er – Frechheit siegt – noch eins drauf: Andrerseits nämlich „(leben) die Menschen in den westlichen Demokratien in einer demokratisch und marktwirtschaftlich verfassten Ordnung (...), die systematisch genau auf diesem reflektierten Eigeninteresse beruht.“[xx]
Deshalb ist das Umlügen des Christentums zur Lehre der schamlosen Habsucht noch das kleinere Übel, denn: „Tatsächlich jedoch ist es für die soziale Ordnung viel gefährlicher, wenn die moralischen Vorstellungen der Menschen nicht vermittelt sind mit den Bedingungen ihres alltäglichen Handelns.“[xxi]
Auf Deutsch: Würden die Menschen das christliche Menschenbild ernstnehmen, dann könnten sie womöglich die gesamte „soziale Ordnung“ der hemmungslosen Bereicherung einer Handvoll zu Lasten der Bevölkerung einfach hinwegfegen.
Die Ökonomische Ethik ist in Grunde keine wissenschaftliche Theorie, sondern Apologie: Sie erforscht nicht unvoreingenommen und ergebnisoffen die Realität, sondern soll umgekehrt die Realität, nämlich die überdeutliche soziale Ungerechtigkeit, rechtfertigen.
Im Einzelnen soll sie
a. den Unternehmern das schlechte Gewissen nehmen. Unternehmer, die gleichzeitig gläubige Christen sind, müssten also gleichzeitig nach den Prinzipien christlicher Nächstenliebe und der Profitmaximierung handeln. Die daraus resultierenden Gewissensbisse sollen bekämpft, quasi theoretisch in Luft aufgelöst werden. Anders ausgedrückt: Die Ideologie des Christentums soll für die Rechtfertigung der Marktwirtschaft instrumentalisiert werden: Nur der eigennützige gewinnorientierte Marktwirtschaftler ist ein guter Christ. Es soll also ein weltliches Pendant zur kirchlichen Absolution kreiert werden.
b. den „Neid“ der christlichen Bevölkerung diskreditieren. Ihr soll, christlich oder profan, klargemacht werden, dass auch ihr ureigenstes persönliches Interesse die Profitmaximierung des Unternehmers sei und der raffgierige Unternehmer vorbildlich christlich handele.
3. die Solidarität verunglimpfen: Es reicht nicht, dass der Selbstlose als „weltfremder idealistischer Spinner“ hingestellt wird. Vielmehr soll gezeigt werden, dass der Unternehmer, der zugunsten moralischer Erwägungen auf Maximalprofit verzichtet, in Wahrheit nicht sozial, sondern asozial, also unchristlich handelt.
Die Argumentation ist frappierend:
1. Da der Egoismus des Menschen rational, Selbstlosigkeit dagegen irrational ist, kann man den Egoisten nur zur Moral bewegen, wenn sie gleichzeitig Profit bringen, und zwar den maximalen. [xxii]
Nur folgerichtig sagt die Ökonomische Ethik: Wettbewerb ist solidarischer als Teilen[xxiii] und Egoismus die höchstmögliche Form von Solidarität[xxiv]
Dies ist allerdings die Antithese zur Botschaft des Neuen Testaments, insbesondere zum Jesuswort: „Geben ist seliger denn nehmen.“[xxv]
Ironisch könnte man bemerken: Nach der Ökonomischen Ethik hätte Sankt Martin seinen Mantel nicht an einen Frierenden verschenken dürfen, sondern ihn verkaufen und den Erlös in eine Textilfabrik bzw. in entsprechende Aktien investieren müssen.
Diese seltsame Logik beruht auf den Gedanken des Marktwirtschafts-Vaters Adam Smith: Nur wenn jeder Einzelne nach Maximalprofit strebt, kommt für die Gesellschaft am meisten heraus. Homann macht daraus: „Ökonomik ist Ethik mit anderen ... Mitteln“[xxvi]. Und er fordert, „die Zehn Gebote als ökonomische Kalkulation zu betrachten.“ [xxvii]
Das wiederum heißt: „Langfristige Gewinnmaximierung ist kein Privileg der Unternehmen, sondern sittliche Pflicht. Moralische Intentionen werden durch den Wettbewerb geltend gemacht. Jegliche staatliche Eingriffe aus moralischen Gründen ruinieren die Wirtschaft.“[xxviii] Auf Deutsch: Moral verdirbt das Geschäft.
Damit hat die Ökonomische Ethik die Theorie des Adam Smith von einer Theorie des maximalen Gemeinwohls zu einem Katechismus für Raffgierige „weiterentwickelt“, und damit ist auch der oben genannte Widerspruch „gelöst“:
„Das sog. Adam-Smith-Problem[2], der vermeintliche Gegensatz von „Theory of Moral Sentiments“ und „Wealth of Nations“, gilt heute als gelöst: „Wealth of Nations“, steht nicht im Gegensatz zur „Theory“ sondern gilt als deren Einlösung unter den neuen Bedingungen einer zur Volkswirtschaft zusammenwachsenden Wirtschaft. Ökonomik ist Ethik mit anderen ... Mitteln.“[3]
Wenn moralfreie Profitgier aber identisch ist mit Moral, dann hindert Homann nichts an der Forderung, die Zehn Gebote als „ökonomische Kalkulation“ zu betrachten.[4] Die Frage ist dann: Zahlt sich die „Gute Tat“ in Cent, Euro, Macht oder Ansehen aus.
Wohin diese Theorie führt, zeigen einige Beispiele
Beispiel 1: Nach der Logik, Wettbewerb ist solidarischer als Teilen, war jeder Cent, den ein Unternehmen für die Hochwasseropfer gespendet hat, ein Cent zu viel. Stattdessen hätten die Unternehmen ihr Geld lieber für Profimaximierung einsetzen sollen, da diese per Definitionem auch die optimale Ethik herstellt. [xxix]
Beispiel 2: Rüstungsgüter in Krisengebiete. Homann zeigt, dass jegliche Zurückhaltung auf dem Gebiet unmoralisch sei; denn diese moralische Unternehmen werde ja dann vom Markt verschwinden und die unmoralischen Lieferanten unter sich sein. Also könne das Unternehmen ungehemmt zum Völkermord beitragen und vielleicht auf die Änderung der institutionellen Rahmenbedingungen drängen.
Beispiel 3: Auch Mitbestimmung ist demnach unethisch, da sie das Unternehmen an der höchsten ethischen Handlungsweise, nämlich der ungehemmten Profitmaximierung hindert.
Beispiel 4: Schon fast überflüssig zu sagen, dass dies auch für Lohnerhöhung in unteren Lohngruppen gilt, da dies die Arbeitslosigkeit erhöhe, wie Suchanek ohne den Hauch eines Beweises behauptet[xxx], und für
Beispiel 5: Umweltschutz. Homann sagt, ein Unternehmen dürfe frisch und fröhlich gegen Umweltbestimmungen verstoßen, wenn z.B. die ausländische Konkurrenz das ebenfalls tue.[xxxi] Es müsse sich allerdings für internationale Regelungen „einsetzen“. Das heißt also: Die Ökonomische Ethik appelliert geradezu an die Industrie, Flüsse, Wälder und Luft zu vergiften, wenn ein Konkurrenzunternehmen irgendwo auf der Welt dies ebenfalls tut.
Beispiel 6: Dies ließe sich mühelos auf die Kinderarbeit ausdehnen: Kinderarbeit im Inland – zum Beispiel in der Textilindustrie – wäre demnach heilige ethische Pflicht, solange asiatische Konkurrenten durch Kinderarbeit die Preise verderben.
Heraus kommt die absurde Umkehrung der christlichen Ethik mit der dreisten Logik: Die erfolgreichsten Unternehmer sind die besten Christen. Also kann man die Frömmigkeit am Aktienkurs ablesen.
„Die Verantwortung von Unternehmen besteht darin, geeignete Investitionen zur eigenen und zugleich allgemeinen Besserstellung zu finden und zu realisieren“[xxxii]
Nun kann nicht einmal die Ökonomische Ethik die menschenunwürdige Wirklichkeit der Marktwirtschaft mit Arbeitslosigkeit und Massenarmut wegdiskutieren: Es werden eben NICHT ALLE „bessergestellt“.
Denn die Marktwirtschaft hat einen klitzekleinen Haken:
„Das Problem – und zugleich die Antwort auf die Frage, warum die Marktwirtschaft einen relativ schlechten Ruf hat – besteht somit darin, dass... die grundsätzliche Besserstellung aller notwendigerweise immer wieder mit Zumutungen an einzelne verknüpft (ist), z.B. in Form von Arbeitsplatzverlusten“[xxxiii].
Offenbar versteht Suchanek unter „alle“ die Handvoll Reicher und unter „Einzelne“ den Rest der Gesellschaft.
Und jetzt kommt's:
„Diese Zumutungen sind in gewissem Sinne durchaus vergleichbar mit den Verzichtsleistungen, die mit unmittelbaren Formen von Solidarität verknüpft sind. Der Unterschied besteht nun jedoch darin, dass diese Formen gesellschaftlicher Solidarität – also der Besserstellung anderer – nicht als solche empfunden wird, vor allem deshalb, weil man sich nicht aussuchen kann, ob man sich die Zumutung auflädt oder nicht.“[xxxiv]
Und zur Krönung:
„Doch eben darin liegt eine wichtige Qualität: Die Zusammenarbeit zum gegenseitigen Vorteil wird nicht vom Wohlwollen eines jeden abhängig gemacht – das wäre eine viel zu gefährdete Basis -, sondern von einem institutionellen Arrangement, das systematisch auf die Anreizkompatibilität setzt.“[xxxv]
Erzwungene „Solidarität“?! Übt nicht auch ein Vergewaltigungsopfer eine „unmittelbare Form von Solidarität“ zur „sexuellen Besserstellung“ eines Sexualstraftäters? Man hört förmlich den Verteidiger des Sittenstrolchs aus den Werken eines Homann oder Suchanek zitierten Dass das Opfer sich die Vergewaltigung „nicht aussuchen“ kann, dies sei ja gerade „eine wichtige Qualität“.
Gesamtgesellschaftlich heißt das: Die Bevölkerung wird zur Solidarität mit den Reichen gezwungen, und zwar durch das Gesellschaftssystem.
Hier wiederum können wir der Ökonomischen Ethik voll zustimmen.
Und die „Christen“ unter den Kapitaleignern und Managern können ruhigen Gewissens aufatmen.
Die Ökonomische Ethik erweist sich als eine Theorie, die es ermöglicht, sich als gläubiger Christ sich die Taschen vollzustopfen, weil Profitmaximierung die christlichste aller Handlungsvarianten sei.
Sie will sozusagen das Nützliche – nämlich das Seelenheil – mit dem Angenehmen – der Gewinnmaximierung – verbinden.
Im Ergebnis versucht die Theorie nichts andres, als selbst eigennützigstes, also asozialstes Verhalten als „christlich“ darzustellen.
Die Theorie der Ökonomischen Ethik und christliches Menschenbild schließen einander aus.
Jesus sagt laut Neuem Testament unmissverständlich: "Es ist leichter, daß ein Kamel durch ein Nadelöhr gehe, als daß ein Reicher ins Reich Gottes komme." (Matthäus 19, 24)[xxxvi].
Nun berufen sich die bezahlten Propagandisten der schamlosen Bereicherung auf Kosten der Armen zuweilen ebenfalls auf ein Wort Christi „Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist“, (Mk 12, 13-17) und machen daraus: „Gebt den Superreichen und ihrem Staat, was er von euch verlangt.
Nach dieser Logik aber könnte sich ein Kindermörder auch auf Christus berufen: „Lasset die Kindlein zu mir kommen, denn ihrer ist das Himmelreich.“
Inwieweit die mehr oder minder dümmliche Verdrehung des christlichen Menschenbildes in sein Gegenteil Erfolg haben wird, sei dahingestellt. Immerhin gab es Kreuzzüge, spanische Inquisition und blutigen Ku-Klux-Klan-Rassismus durch „gottesfürchtige Christen.“ Aus Sicht der Herrschenden ist Religion allerdings gerade keine „Glaubensfrage“, sondern nur eine Variante der Volksverblödung („Opium des Volkes“). Und ob Schmudddeltalk, Playstation, Esoterik, Fußballfanatismus oder dumpfer Nationalismus - willkommen ist alles, was die Bevölkerung vom Kampf gegen die Reichen abhält.
Nachbemerkung.
Selbstverständlich folgt aus der Kritik der Ökonomischen Ethik als einer christlich verbrämten Laudatio auf die Raffgier keineswegs die Leugnung des Eigennutzaxioms. Es ähnelt sogar der Marxschen These vom personifizierten Kapital und ist – zumindest auf den Kapitalismus bezogen – letztlich ehrlicher und richtiger als unbewiesene Behauptungen über den „Gutmensch“ Unternehmer bzw. Politiker. Und auch die Unterdrückten und Entrechteten verfolgen ja eigennützige Interessen.
Nur sind Eigennutz und geldbezogene Habsucht verschiedene Dinge.
Eine reiche Tante zahlt natürlich (auch) aus Eigennutz die Operation der Nichte: sie profitiert persönlich emotional davon, dass ihre Familie glücklich ist. Ist die Tante aber raffgierig, dann lässt sie die Nichte lieber sterben – und investiert in Medizin-Aktien. Schließlich wird ja durch Tantchens Profitmaximierung sogar die ganze Gesellschaft bessergestellt, und der Tod der Nichte war deren Solidarbeitrag.
[1] Homann, Ökonomik und Ethik, S. 13.
[2] Der Kapitalismus fördert angeblich die gesellschaftliche Wohlfahrt, indem er egozentrisches Verhalten belohne. Andererseits erwarten wir von den somit belohnten Egoisten, dass sie sich eines bislang bestraften Altruismus besönnen und aufgrund solcher Motive das Gemeinwohl förderten. Die Exegese stößt hier auf das sog. "Adam-Smith-Problem
[3] Homann, Ethik und Ökonomik, S. 13.
[4] Homann/Blome-Drees, S. 144.
[i] Bertold Brecht: „Alfabet“, nachzulesen in: http://www.abipunk.de/kunst/brecht.htm
[ii] Es wäre allerdings absurd und „wessichristliche“ Arroganz daraus abzuleiten, dass in den Neuen Ländern Werte wie Solidarität, Hilfsbereitschaft oder Altruismus (verstanden als Leistung ohne Gegenleistung)
eine geringere Bedeutung hätten als in den traditionell westlichen Industrienationen. Im Osten keinen Deut weniger als im Westen Deutschlands war die uneigennützige, die „christliche“ Solidarität zum Beispiel
im Zusammenhang mit dem Hochwasser und der Tsunami-Katastrophe zu sehen.
[iii] Adam Smith: The Wealth of Nations, Modern Library Edition, New York 1937, S. 14. Vergleiche: http://www.iavg.org/iavg025.htm
[iv] Dem entsprechen seine beiden Hauptwerke „Wealth of Nations“ und „Theory of Moral Sentiments“ (Deutsche Ausgaben: Adam Smith: Der Wohlstand der Nationen, München 1983.
Adam Smith: Theorie der ethischen Gefühle, Hamburg 1985).
[v] Julian Nida Rümelin: „Der Mensch ist mehr als nur ein ökonomisches Wesen“, FAZ vom 4. April 2002.
[vi] http://www.schuldenfrust.de/Rechtsberatungsgesetz.pdf
[vii] Heiner Geißler: „Was würde Jesus heute sagen? Die politische Botschaft des Evangeliums“. Rowohlt, Berlin 2003.
[viii] http://www.kirche-und-wirtschaft.de/infodienst/kiwi_0302/seite4.htm
[ix] Ebenda. Nebenbei: Um „Selbstliebe“ geht es gar nicht. Die freilich scheint durchaus auch bei den Reichen unterentwickelt, wie die zahlreichen Edel-Dominas sicher berichten könnten.
[x] Sekretariat der Deutschen Bischofskonferenz: „Die deutschen Bischöfe - Kommission für gesellschaftliche und soziale Fragen: Das Soziale neu denken - Für eine langfristig angelegte Reformpolitik“,
Impulspapier vom 12. Dezember 2003. Internetadresse: http://dbk.de/schriften/DBK1b.Kommissionen/Ko_28.pdf
[xi] "’Vielleicht ist Münteferings Moralismus doch richtig’, sagt Friedhelm Hengsbach“, in: taz, Nr. 7650 vom 27. April 2005, Seite 12. Interview Ulrike Herrmann. Internetadresse:
www.taz.de/pt/2005/04/27/a0187.nf/textdruck
[xii] Volkswirt Hans Tietmeyer war unter anderen von 1982 bis 1989 Finanzstaatssekretär und von 1993 bis 1999 Bundesbankpräsident. Lebenslauf siehe
http://de.wikipedia.org/wiki/Hans_Tietmeyer
[xiii] Karl Gabriel, Friedhelm Hengsbach SJ, Dietmar Mieth: „,Das Soziale neu denken‘ als Abkehr vom ,Gemeinsamen Wort‘ der Kirchen?“ Stellungnahme zum Impulspapier „Das Soziale neu denken“ der
Kommission VI der Deutschen Bischofskonferenz, Presseerklärung vom 17. Dezember 2003. Internetadresse: www.uni-muenster.de/ChristSozialwiss/impulspapier.htm
[xiv] “Lehmann kritisiert Neidkomplex der Deutschen“, in: Spiegel Online, vom 31. Juli 2005.Internetadresse: www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,367646,00.html
[xv] Thilo Boss und Heimo Schwilk: „Jesus würde nicht kündigen“, in: Welt am Sonntag, vom 29. Juni 2003
http://www.wams.de/data/2003/06/29/126134.html?prx=1
[xvi] Thilo Boss und Heimo Schwilk: „Jesus würde nicht kündigen“, in: Welt am Sonntag, vom 29. Juni 2003
http://www.wams.de/data/2003/06/29/126134.html?prx=1
[xvii] Karl Homann: Ökonomik und Ethik, in: Wirtschaftliche Perspektiven I, Berlin 1994, S. 13.
[xviii] www.philosophie.lmu.de/studium/schwerpunkte.htm
[xix] Andreas Suchanek. Ökonomische Ethik, Tübingen 2001, S. VIII.
[xx] Ebenda.
[xxi] Ebenda.
[xxii] Karl Homann/, Franz Blome-Drees: Wirtschafts- und Unternehmensethik, Göttingen 1992, S. 178.
[xxiii] Homann/Blome-Drees, a. a. O., S. 111. Vergleiche: www.philosophie.lmu.de/studium/schwerpunkte.htm
[xxiv] Homann/Blome-Drees, a. a. O., S. 49.
[xxv] Apostelgeschichte 20,35. Nachzulesen in: http://www.bibel-online.net/buch/44.apostel/20.html
[xxvi] Homann, Ethik und Ökonomik, a. a. O., S. 13.
[xxvii] Homann/Blome-Drees, a.a. O., S. 144.
[xxviii] Homann, Ethik und Ökonomik, a. a. O., S. 15.
[xxix] Homann/Blome-Drees, a. a. O., S. 177.
[xxx] Suchanek, a. a. O., S. 24.
[xxxi] (Homann/Blome-Drees, a. a. O., S. 155.
[xxxii] Homann/Blome-Drees, a. a. O., S. 107.
[xxxiii] Suchanek, a. a. O., S. 83.
[xxxiv] Suchanek, a. a. O., S. 83.
[xxxv] Suchanek, a. a. O., S. 83 f
[xxxvi] Nach neuester Forschung soll mit „Nadelöhr“ ein niedriges Stadttor Jerusalems gemeint sein (siehe stellvertretend für viele http://www.christentum.ch/lukas.htm). Dies
ändere aber nichts an der Aussage, da das Kamel zum Passieren des Tores niederknien und sämtlichen Besitz des Reichen zurücklassen müsse.
